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Statement? Nein, danke!

Zeit für ein Geständnis: Gerade jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, bin ich schon einen Schritt weiter. Ich denke nicht daran, wie ich die nächsten Sätze formulieren oder was ich aus meinen Gedanken machen soll. Was tue ich stattdessen? Ich beschäftige mich damit, wie ich euch Lesern und Leserinnen meinen Text präsentieren kann. Tatsächlich überlege ich mir sogar schon Diskussionsansätze und gute Antworten auf kritische Fragen. Natürlich könnte man sich jetzt die Haare raufen und fragen: „Was stimmt denn nicht mit ihr?“

Mag sein, dass mit mir etwas nicht stimmt und vielleicht bin ich auch ein Teil des Problems. Aber die Ursache liegt nicht allein bei mir selbst. Gerne reden wir uns ein, dass wir Anerkennung nicht brauchen. Selbstfürsorge heißt das Zauberwort, Selbstliebe. #sorrynotsorry. Sich nicht entschuldigen, konsequent zu sich stehen. Aber habt ihr euch einmal ganz ehrlich, vollkommen schonungslos gefragt, wann ihr das letzte Mal etwas getan habt, ohne ein Feedback oder eine Form der Bestätigung zu erwarten?

Kommentieren war nie einfacher als heute. Vor dem digitalen Zeitalter hatte man dazu nur die Gelegenheit entweder im persönlichen Gespräch oder sogar erst durch einen Briefwechsel. Aber das hat sich geändert: Im Jahr 2020 müssen wir nicht einmal mehr unser Haus verlassen oder auch nur mit einer Menschenseele reden, um an einem einzigen Tag unzählige andere Menschen zu bewerten oder selbst von ihnen bewertet zu werden. Wir müssen nicht einmal mehr einer anderen Person ins Gesicht sehen, bevor wir ein Urteil über sie fällen: Über ihre Arbeit, ihr Aussehen, ihr Leben, ihre politische Einstellung. Stattdessen haben wir Kommentarspalten. Direct Messages. Likes. Herzen. Wir teilen Beiträge, melden störende Inhalte. Und während wir das tun, wird das Fenster, durch das wir die Welt betrachten immer kleiner. Natürlich geschieht das schleichend. Es ist in etwa so wie langsam kurzsichtig zu werden. Den Schaden bemerkt man erst, wenn er bereits eingetreten ist. 

Aber wenn wir das so empfinden, warum nehmen wir nicht einfach eine Auszeit von Social Media? Oder nutzen einen Tag lang das Internet nicht? Würde das helfen? Denn letztendlich ist das nur eine Symptombekämpfung: Wen treffen wir denn, wenn wir vor die Tür gehen? Richtig – Digital Natives, die an nichts anderes als den Überfluss von Informationen gewöhnt sind. Menschen, die gelernt haben, schnell ein Urteil zu fällen, Statements abzugeben.

Vielleicht erzählen wir im Kreis unserer Bekannten nur etwas völlig Banales. Zum Beispiel, dass wir mit Sport angefangen haben. Und schon zückt unser Gegenüber sein Smartphone, um uns anhand von Dr. Google zu erklären, warum wir unsere Übungen ganz falsch machen und erst einmal einen ganz anderen Trainingsplan brauchen. Und wenn wir im Restaurant unsere Lieblingspizza bestellen, werden wir gratis über den Zucker- und Fettgehalt aufgeklärt, während wir selbst das Aussehen unseres Gegenübers in der gleichen Geschwindigkeit bewerten, in der wir online Herzchen und Dislikes verteilen:

„Ja, aber 40 min Kraftsport sind effektiver als 20 min.“
„Oh, du isst Süßkartoffelpommes, wusstest du, dass die viel gesünder sind?“

„Mit der Limonade hast du deinen Zuckerbedarf für heute schon gedeckt.“

„Dein Kleid ist aber schön, machst du auch diesen Trend mit?“

„Ich fand deine vorige Frisur aber besser.“

„Ach, du bestellst den veganen Burger, das finde ich aber inkonsequent, wenn du nach Griechenland in den Urlaub fliegst.“

 

Ich sehe jetzt schon, während ich diese Zeilen tippe, die empörten Gesichter, höre aufgeregte Stimmen, die „Meinungsfreiheit“ schreien. Ja, es ist unser Recht, Meinungen gut zu tun. Aber wollen wir diese Art von Kommentaren wirklich als Meinungen bezeichnen? Und die viel wichtigere Frage: Müssen wir wirklich zu allem sofort eine Meinung haben und diese auch kundtun? Aber was ist der Ausweg? Einfach keine Meinung mehr zu haben und alles unkommentiert zu lassen?

Vielleicht könnten wir das nächste Mal, bevor wir online einen „kritischen Kommentar“ hinterlassen, uns lieber fragen, ob wir den Text wirklich aufmerksam gelesen haben und vom Thema etwas verstehen. Und wenn jemand im realen Leben etwas von sich preisgibt, was uns zunächst fremd ist, könnten wir auch sagen: „Erzähl mal.“

Es wäre den Versuch wert.

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Kommentare: 4
  • #1

    Claudia (Montag, 06 Januar 2020 14:25)

    Hi Bella,
    ich bin dann mal die erste, die hier was schreibt?! Ich finde deine Idee, mit dem blog echt gut, obwohl auch digital ;-) Auf jeden Fall hast du interessante Gedanken und Ansichten. Und sooooo recht ;-)
    LG und ein super Jahr 2020
    PS, bin gespannt, wie es weiter geht....

  • #2

    Bella Bender (Montag, 06 Januar 2020 14:46)

    Bevorzugst du ansonsten Printmedien? Bei Büchern bin ich ganz altmodisch und schwöre auf Papier, aber ansonsten bin ich eher in der digitalen Welt zuhause ...
    Vielen Dank, das wünsche ich dir auch! Ich freue mich, dass du hergefunden hast. Was sind denn deine Erfahrungen mit dem Thema?

  • #3

    Xenia (Freitag, 10 Januar 2020 14:40)

    Hi Bella!
    Schöner Text, der zum Grübeln und Diskutieren anregt!
    Ich hatte zb mal digital eine Diskussion angefangen mit einem Jungen (erst im Nachhinein festgestellt, dass er 12 war :D), weil er sich sehr antifeministisch geäußert hat. Normalerweise lasse ich Trolle in Ruhe, aber das war eine Ausnahme. Letztendlich habe ich ihn getröstet, weil er ein paar ungerechte Erfahrungen gemacht hat (daher kam das schwarzweiß Denken). Es wäre mir tatsächlich zu anstrengend, das jetzt bei jedem Troll zu machen - aber das war ganz interessant.
    Was ich auch schön fände, wenn jemand checkt, dass sie einfach nicht genau genug gelesen haben, sorry zu sagen und es zuzugeben. Das ist so viel einfacher und sympathischer als es dann zu ignorieren oder in eine Verteidigungsposition zu gehen. Sich entschuldigen - das wäre so ein Ding, das in der Schule gelehrt werden müsste haha.

    LG und ich bin gespannt auf deine nächsten Gedanken!
    Deine Buddy-Testleserin :D

  • #4

    Bella Bender (Freitag, 10 Januar 2020 15:30)

    Liebe Xenia,
    danke, dass du dich auch zu Wort gemeldet hast! Eine ziemlich interessante Erfahrung hast du da geschildert. Ich denke, es gibt keinen "richtigen" Umgang mit so etwas. Vermutlich ist es da wichtig, sich auf die eigene Intuition zu verlassen, ob das Gegenüber überhaupt noch in der Lage ist, Kritik anzunehmen. Aber dann ist es umso beeindruckender, dass du es geschafft hast, seine eigentlichen Motive herauszufinden und ihm etwas Gutes mit auf den Weg zu geben. Ich hoffe, du bist bei der nächsten Folge auch wieder dabei! :)