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An alle Weltverbesserer

Practice what you preach, heißt es. In erster Linie klingt es auch sinnvoll. Wenn man etwas ändern will, warum nicht erst einmal kleine Schritte machen und bei sich selbst anfangen? Wer sich für Umweltschutz interessiert, macht sich Gedanken, wie er den eigenen Haushalt nachhaltiger gestalten kann. Und wer sich für Gleichberechtigung stark macht, hinterfragt eigene Rollenklischees und Sexismen. Aber bedeutet das auch im Umkehrschluss, dass man sich erst für ein politisches Thema interessieren darf, wenn man die eigenen Fehler vollständig ausgemerzt hat? Ich sage nein. Denn in Zeiten, in denen innerhalb der politischen Lager erbittert um die Perfektion gestritten wird, wird das Inkonsequentsein zu Unrecht unterschätzt.

 

Achtung: Dieser Text ist kein Freifahrtsschein. Ich möchte niemanden auffordern, eine Ideologie zu verbreiten, zu der er nicht stehen kann. Aber ich wünsche mir, dass man in politischen Diskussionen auch jene willkommen heißt, die bestimmte Werte noch nicht perfekt leben.

„Was, DER geht zu Fridays for Future? Letztes Jahr ist er noch nach Thailand geflogen!“
„Was, DIE nennt Feministin? Sie gendert aber nicht korrekt!“

Vielleicht ist es inkonsequent. Aber: Jeder Mensch ist inkonsequent. Und Inkonsistenz disqualifiziert uns nicht beim Versuch, uns für ein Thema zu sensibilisieren. Oder anders gesagt: Ich wünsche mir, dass die eigene politische Position ausprobiert werden darf und keine perfekte Performance sein muss.

 

Stellt euch vor, ihr wollt ein Buch schreiben. Euer Kopf platzt vor Ideen, im Grunde seid ihr inspiriert. Doch ihr seid ehrgeizig, das Werk muss gut werden. Andere Menschen sollen euch diese Geschichte abkaufen. Also zerbrecht ihr euch den Kopf, dreht alles hin und her, vermeidet Fehler, recherchiert, unterbrecht, erstellt Konzepte, verwerft diese. Aber habt ihr auch nur eine Zeile geschrieben? Nein. Leeres Papier, Perfektionismus, Gedankenblockade.

 

Ebenso verhält es sich mit dem politischen Anspruch an sich selbst. Das Private ist politisch. Natürlich spielt es eine Rolle, was wir als Individuen tun. Aber manchmal kommt es mir so vor, als verhielte es sich umgekehrt: Das Politische ist privat geworden. Wir scheuen uns davor, uns der örtlichen Umweltschutzgruppe anzuschließen, weil wir tierische Produkte noch nicht aus dem Speiseplan gestrichen haben. Oder wir gehen nicht zum feministischen Lesekreis, weil wir denken: „Die sind doch alle viel belesener als ich, ich habe nur ein paar Folgen ‘The Handmaid’s Tale’ geschaut, das zählt nicht.“ Aus Scheu und aus Angst vor Abwertung beschränken sich infolge sämtliche politische Aktionen aufs Private. Vielleicht nicht der Lesekreis, aber man kann ja einfach eine gleichberechtigte Beziehung leben und den sexistischen Onkel auf der nächsten Familienfeier konfrontieren. Vielleicht keine Teilnahme an Fridays for Future, aber man trägt ja nur Fair Fashion und nutzt Ecosia. Das reicht doch.

 

Nein, es reicht nicht. Jeder noch so perfekte Lifestyle kann weder den Planeten retten, noch den gesellschaftlichen Wandel bewirken. Wir brauchen Gemeinschaften. Wir brauchen Menschen, die sich zusammenschließen. Und wir müssen bereit dazu sein, Widersprüche und Fehler zu verzeihen. Oder anders gesagt: Wer nur noch vor der eigenen Haustür kehrt, kann sich nicht mehr um die ganze Straße kümmern.

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