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Keine Angst!

Ungefähr fünf bis sechsmal im Jahr stehe ich vor fremden Menschen, um aus meinem Buch zu lesen und hochkomplexe Phänomene zu diskutieren. Vor ein paar Monaten habe ich vor mindestens fünfzig Menschen über meine Panikattacken gesprochen. Ich bin allein weit gereist, habe wildfremden Menschen meine Lebensgeschichte erzählt. Mit etwas Fantasie könnte man mich also für eine Draufgängerin halten. Doch das wäre nicht die ganze Wahrheit. Denn wenn ich eines gelernt habe, dann ist es, dass Mut nicht die Abwesenheit von Angst bedeutet. Angst ist im Grunde ein ziemlich intelligentes Gefühl, das uns Menschen vor gefährlichen Situationen warnt. Es ist also berechtigt, dass sie uns daran hindert, auf das Dach eines zehn Meter hohen Hauses zu klettern oder mit 200 km/h über die Autobahn zu rasen. Doch einige von uns haben schon die Art von Angst empfunden, die rational nicht zu begründen ist. Auch ich bin davon nicht ausgenommen. Deswegen folgt nun eine andere Art der Aufzählung: Manchmal kann ich mit meinen Mitmenschen nicht darüber sprechen, was mich bewegt, obwohl es mir helfen würde. Im Grunde ziemlich paradox, ebenso paradox wie die Tatsache, dass ich Bühnenmomente habe, aber dennoch Referate an der Uni nie mochte. Oder dass ich mich unwohl dabei fühle, in der Natur völlig allein zu sein, wenn mir das mitten in der Stadt nichts ausmacht – dabei ist Letztes streng genommen gefährlicher!

 

Einigen wir uns darauf: Angst kann sich verselbstständigen und vollkommen irrational sein. Doch ebenso, wie unser Körper lernt, vor den richtigen Dingen Angst zu haben, können wir lernen, unsere Angst abzulegen. Das ist nicht halb so romantisch, wie es klingt. Im Gegenteil, es ist furchtbar unangenehm. Natürlich sind Vermeidungsstrategien viel verlockender: Einfach die Dinge nicht mehr tun, die einem Angst machen. Angst vor Menschenmengen? – Dann gehe ich eben nicht auf Festivals! Angst vor Intimität? – Dann eben Dating ohne commitment. Angst vor der Höhe? – Dann bleibe ich eben am Boden! Angst vor dem Leben? – Und die Vermeidungsstrategie stößt an ihre Grenzen.

 

Niemand hat gerne Angst. Aber Dinge zu tun, vor denen man sich zuvor gefürchtet hat, kann wirklich befreiend wirken. Und das muss auch nicht von einem auf den anderen Tag geschehen. Vielleicht muss man der Angst vor Menschenmengen nicht gleich mit einem überfüllten Festival begegnen. Und vielleicht muss es nicht gleich die große Liebe mit dem Gang zum Altar sein, wenn man unter Bindungsangst leidet, nicht gleich ein Abstecher in die Berge, wenn man sich vor der Höhe fürchtet. Nein. Es kann schon ein Erfolg sein, sich ein paar Stunden in einer überfüllten Kneipe aufzuhalten, einfach nur einmal auf ein gewöhnliches Date zu gehen oder doch den Aufzug in den fünften Stock zu nehmen. In manchen Fällen ist die Angst zu stark, um es allein zu schaffen. Dann ist es sinnvoll, Hilfe anzunehmen – auch das will gelernt sein – egal, ob man nun psychisch gesund ist oder nicht. Denn es ist ein verbreiteter Irrtum, dass nur kranke Menschen therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen dürfen.

 

Erschwerend kommt hinzu: Es sind scheinbar nie die anderen. Kaum jemand spricht offen über seine Ängste. Wobei das eigentlich ein interessantes soziales Experiment wäre: Man sperre verschiedene Menschen in einen Raum. Fear talk anstatt small talk.
„Hi, ich bin Anna und bin klaustrophobisch.“
„Freut mich, dich kennenzulernen. Ich heiße Daniel und habe Angst vor menschlicher Nähe.“
Ein unwahrscheinliches Szenario, auch wenn es vermutlich einigen von uns nicht schlecht täte. Was ich aber eigentlich damit sagen möchte: Die anderen haben auch Angst. Nicht nur du.

 

Ironischerweise bewahrheitet sich auch die berühmte fear of missing out, wenn man seinen Ängsten nachgibt: Sich auf jemanden einzulassen, ist ziemlich faszinierend. Festivals können ein ziemlicher Spaß sein. Und wer ist immun gegen eine schöne Aussicht? Auch ich habe schon Dinge verpasst, weil ich zu ängstlich war, bis ich mich entschieden habe, mir diese Stück für Stück zurückzuholen. Inzwischen bringe ich es fertig, mit meinen Freunden über Bedeutendes zu sprechen. Meine Referate an der Uni haben ein gesundes Mittelmaß erreicht. Und seitdem ich festgestellt habe, dass es allein in der Natur ziemlich schön ist, gehe ich regelmäßig allein laufen. Zwar halte ich das nur eine halbe Stunde durch. Aber was soll’s? Die kleinen Schritte zählen auch. 

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