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Es könnte wehtun

Der Begriff "Triggerwarnung" wurde vor ein paar Jahren durch die Medien einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Inzwischen ist er überall: Sei es auf Social Media oder sogar in Lehrveranstaltungen an der Uni. Triggerwarnung oder auch Contentwarning.

Belastende Themen werden angekündigt, um traumatisierte Menschen im öffentlichen Raum zu schützen. Doch gerade an den Universitäten geht die Diskussion noch weiter: Oft wird gefordert, belastendes Material völlig aus dem Lehrplan zu streichen. Es reicht nicht mehr, vor Gewaltdarstellungen zu warnen, sämtliche Erwähnung von Gewalt und Diskriminierung sollen gestrichen werden.

 

Doch was bedeuten die Begriffe Trauma und Trigger überhaupt und wie kann man damit umgehen? Das Wort „Trauma“ leitet sich aus dem Altgriechischen ab und bedeutet Verletzung. Verwendet wird der Begriff meistens in psychologischem Zusammenhang. Es gibt viele Ursachen für die Entstehung eines Traumas: Sei es eine Naturkatastrophe, ein Unfall oder ein gewalttätiger Übergriff. Zumindest, was das Individuum betrifft. Denn wenn es um das Kollektiv geht, wird es schwieriger: Auch größere Bevölkerungsgruppen können durch politische Ereignisse traumatisiert werden, zum Beispiel durch anhaltende Diskriminierung, Verfolgung oder gar Vertreibung. Eine große Rolle bei der Aufarbeitung und Behandlung eines Traumas spielen Schlüsselreize, sprich Trigger. Ein Trigger kann die betroffene Person an das einschneidende Erlebnis erinnern und somit Flashbacks auslösen. Manche dieser Schlüsselreize sind für Nicht Betroffene gut nachvollziehbar. Zum Beispiel dürfte es leichtfallen, zu erklären, warum gewaltverherrlichende Sprache das Trauma nach einem Übergriff in die Gegenwart zurückholen kann.

 

Der Grundgedanke, es nicht nur bei einer Triggerwarnung zu belassen, sondern gleich alle Trigger aus dem öffentlichen Raum zu eliminieren, ist in erster Linie natürlich verständlich. Niemand verdient es, ein Trauma noch einmal zu erleben. Problematisch ist nicht die Absicht, sondern die Tatsache, dass Trigger nicht nur subjektiv sind, sondern auch sehr subtile Wahrnehmungen sein können: Nicht nur Darstellungen des belastenden Themas vermögen es, Flashbacks bei Betroffenen auszulösen. Oft sind es alltägliche Reize, die Betroffene in diese Lage bringen: Bestimmte Sätze, Szenerien, die an den Ort des Traumas erinnern, das Aussehen einer Person, ein bestimmter Klang oder Geruch ... Die Liste ist lang.

 

Vielleicht können wir keine triggerfreie Umwelt schaffen. Aber wäre das überhaupt der richtige Ansatz? Trauma geht mit einem gewaltigen Kontrollverlust einher. Eben diese Kontrolle können sich traumatisierte Menschen durch Therapie und durch ein sensibles Umfeld zurückholen. Betroffene können lernen, wodurch ihre Erkrankung verschlimmert wird. Haben sie die Wahl, ob sie sich einem Reiz aussetzen wollen oder nicht, können sie sich selbst schützen, ohne ihre Selbstbestimmung zu verlieren. Entscheidet man jedoch über den Kopf des Individuums hinweg, ist das, so nobel die Absicht auch sein mag, ebenfalls eine Form der Übergriffigkeit. Vor möglicherweise belastenden Inhalten in Lehrveranstaltungen zu warnen, ist in erster Linie sinnvoll, reicht aber nicht aus, damit traumatisierte Menschen den gleichen Raum einnehmen können wie nicht Betroffene. Dennoch sollte die Schlussfolgerung nicht der Versuch sein, sämtliches belastendes Material aus dem Lehrplan zu streichen. Stattdessen wäre es wünschenswert, an Hochschulen für Ansprechpartner zu sorgen, an die sich traumatisierte Menschen wenden können und das Lehrpersonal für solche Fälle zu schulen. Natürlich kann eine Lehrkraft keine therapeutische Funktion erfüllen – Es geht darum, ein Umfeld zu schaffen, in der Trauma kein Stigma ist.

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