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Gewalt ist nicht relativ

Man könnte meinen, manche Nachrichten sprächen für sich selbst und bedürften keiner weiteren Erklärung. Gibt es nicht bestimmte Ereignisse, die wie ein Aufschrei durch die Bevölkerung gehen sollten? Aber das vergangene Jahr hat mich anderes gelehrt. Vieles ist geschehen: Die globale Klimabewegung ist erstarkt, Dürrekatastrophen und Waldbrände hielten viele Länder in Atem. Doch nicht nur das Klima steckt in einer Krise: In Hong Kong wurden friedliche Proteste niedergeschlagen, das Ausmaß der Gewalt gegen die Uiguren in China wurde bekannt. Dann das Attentat in Christchurch. Währenddessen haben in Deutschland Gewalttaten aus dem rechtsextremen Lager zugenommen: Erst wurde Walter Lübke ermordet, dann geschah der Anschlag in Halle.

 

Doch der Aufschrei blieb aus, stattdessen wurde nur müde mit den Schultern gezuckt. Auch nach dem Anschlag in Hanau in der vergangenen Woche bleiben viele Menschen erschreckend still. Was ist passiert? Wer glaubt, die Leute hätten keine Energie mehr, sich zu empören, irrt: Die Empörung ist da, nur sind es nicht die dringenden politischen Ereignisse, die sie entfachen. Stattdessen wurden die „Umweltsau“ und AKKs geschmacklose Karnevalsscherze stärker diskutiert als der Mord an Walter Lübke. Auch jetzt ist es manchen Menschen anscheinend wichtiger, auf ihrem Indianerkostüm für Fasching zu beharren, als Anteilnahme für die Opfer in Hanau zu zeigen. Haben wir uns an die Gewalt gewöhnt? Erachten wir es als normal, dass nicht nur global, sondern auch in unserer Gesellschaft marginalisierte Menschen vor Gewalt nicht ausreichend geschützt sind? Streiten wir nur noch um Befindlichkeiten? Oder anders gefragt: Sind wir noch zu retten?

 

Auf den ersten Blick kann man sich den Widerspruch kaum erklären. Aber vielleicht ist auch die Berichterstattung Teil des Problems. Geht es um Anschläge wie in Halle oder wie vor einer Woche in Hanau, spricht man in den Medien meistens sofort von einem psychisch kranken Einzeltäter. Nun, die Vermutung „psychisch krank“ an sich ist nicht abwegig: Immerhin sind viele Menschen in Deutschland von psychischen Störungen betroffen, auch Kriminelle, auch Gewalttäter. Doch Vorsicht: Die Beschreibung „psychisch krank“ ist höchst ungenau. Man stelle sich vor, wir würden darüber sprechen, eine Person sei körperlich nicht leistungsfähig. Würden wir einfach sagen, sie sei „physisch krank“ und es dabei belassen? Nein. Wir würden fragen: „Ja, was denn genau?“

Lahmes Bein oder Herzprobleme? Nierenleiden oder Migräne? Ebenso wenig Sinn ergibt es, eine Person als „psychisch krank“ zu betiteln und ihr damit Schuldfähigkeit grundsätzlich abzusprechen. Denn der Verlust der Zurechnungsfähigkeit geht nur mit manchen psychischen Krankheitsbildern einher. Liegen diese vor, sollten wir sie konkret benennen, anstatt alle Störungen zu verallgemeinern.

 

Auch der Begriff des „Einzeltäters“ ist ziemlich vage. Ist damit gemeint, jemand gehöre nicht einer politischen Organisation an? Oder jemand handle aus persönlichen anstatt aus politischen Motiven? Dabei ist es doch bittere Ironie, in einer Gesellschaft, die ihren strukturellen Rassismus nie überwunden hat, einen Rechtsextremisten als „Einzeltäter“ zu bezeichnen.

Die typisierten Bezeichnungen „Einzeltäter“ und „psychisch krank“ täuschen eine Erklärung, eine Rechtfertigung vor, wo keine ist. Sie sollen vielleicht beruhigen, ersticken aber jeglichen Diskurs im Keim und beleidigen alle Betroffenen. Zudem ist die Lage viel zu ernst, um einander zu beruhigen. Ebenso wenig hilfreich ist es, Taten zu rechtfertigen, für die es schlicht keine Entschuldigung gibt. Stattdessen sollten wir dringend darüber sprechen, wie wir Betroffene vor rechtsextremer Gewalt schützen können, und dabei die Probleme beim Namen nennen.

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