· 

Was euch gefällt

„Hast du auch Guilty Pleasures?“, fragte ich neulich einen Kommilitonen. Es war während der Mittagspause. In Grüppchen liefen wir über den Karlsplatz zurück zum Germanistischen Seminar, während jeder im Laufen wahlweise in die Brötchentüte vom Café Gundel griff oder einen Schluck Kaffee aus dem Pappbecher trank. Ich hatte ein Geständnis aus den Untiefen des deutschen Fernsehens erwartet, vielleicht auch B-Movies in Form von schlecht animierten Zombiedesastern. Stattdessen erntete ich ein Stirnrunzeln.

„Ist das so ein Sexding?“
„Was, nein. Also so war es jedenfalls nicht gemeint.“

Als ich es ihm erklärte, wirkte er immer noch nicht besonders angetan.

„Für mich ergibt das keinen Sinn“, meinte er schließlich, „Wieso sollte man sich denn dafür rechtfertigen, etwas zu mögen?“

Im Nachhinein dachte ich über diesen Kommentar nach. Zwar hatte ich mit Guilty Pleasures tatsächlich nichts Sexuelles gemeint. Aber wenn ich ganz ehrlich zu mir bin: Wenn wir nicht mutig genug sind, frech damit zu kokettieren, erzählen wir von unseren Guilty Pleasures hinter vorgehaltener Hand oder entschuldigen uns sogar. Tatsächlich kenne ich Menschen, die eher zu ihren schrägen sexuellen Vorlieben stehen würden als zu ihrem Musikgeschmack. Heißes Wachs und morbide Fantasien sind wohl konformer, als das neue Album von Taylor Swift zu feiern.

 

„Weißt du, ich schaue ab und zu doch Germany’s Topmodel“, gesteht mir meine feministische Freundin und kichert ganz unfeministisch. #notheidisgirl? Auf Spotify gibt es sogar ganze Playlists, die mit „Guilty Pleasure“ betitelt werden. Und ich muss gestehen: Auch ich habe mich schon gerechtfertigt, nach wie vor eine Schwäche für billige Fantasygeschichten zu haben, obwohl ich Germanistik studiert habe und meine ganze Arbeit sich um Bücher dreht.

 

Guilty pleasure bedeutet übersetzt „schuldiges Vergnügen“. Aber schuldig wofür? Man könnte argumentieren, dass Germany’s Topmodel ein ungesundes Körperbild vermittelt und somit antifeministisch ist. Dennoch macht sich die feministische Konsumentin meiner Ansicht nach nicht schuldig, wenn sie die Show weiterhin konsumiert. Anstatt sie dafür zu verurteilen, könnte man sie fragen: „Warum schaust du es noch? Du bezeichnest dich als feministisch und beschäftigst dich mit realistischen Schönheitsidealen. Worin liegt die Faszination?“ Die Antwort könnte interessant werden oder vielleicht sogar zum Diskurs beitragen. Aber wenn wir eine Umgebung schaffen, in der man sich nicht erklären kann, werden wir die Motive auch nie erfahren. Schade eigentlich.

 

Ich habe eine Vorliebe für billige Fantasy, weil für mich damit Erinnerungen verbunden sind: Als ich vierzehn war, versuchte ich, einen Fantasyroman zu schreiben. Weil ich aber keine Erfahrungen mit dem Schreiben hatte, bediente ich mich dem klassischen Repertoire aus dem fantastischen Werkzeugkasten: Werwölfe, verlassenes Schloss, im Finale sogar ein paar Zombies. Jammerschade, dass das damalige Manuskript mit der Festplatte meines alten Computers verschollen ging. Heute würde es mich wohl ziemlich amüsieren, das alles noch einmal zu lesen. Angefangen bei der Tatsache, dass trotz meines Vornamens die zweifelhaften Werke von Stephanie Meyer an mir vorbeigingen. So dachte ich, die Geschichte eines Mädchens, das in eine fremde Stadt zieht und sich mit einem einsamen Wolf anfreundet, könnte noch interessant sein. Aber ich wäre in der Lage, meinem jüngeren Ich seinen unperfekten Geschmack zu verzeihen. Warum sollte ich mich gegenüber meinem gegenwärtigen Ich anders verhalten?

 

Schuldig zu sein impliziert, gegen eine Wertvorstellung zu verstoßen. Aber welcher Wert ist das? Dass wir uns und unseren Mitmenschen guten Geschmack schulden? Wir müssen nicht jeden Wert verinnerlichen, den andere uns vorleben. Und ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich kann auf diesen Anspruch verzichten. Ich gehe jetzt dann mal Riverdale schauen, meine ...Serie, die ich mag. Und die ich gerne schaue. Im Ernst.

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Roman (Sonntag, 15 März 2020 19:14)

    Ich würde bei mir sagen es sind B -Movies und ich schäme mich nicht dafür, ich mag sie gerne auch wenn der Humor in solchen manchmal übertrieben ist, spiegelt es einen Teil von mir wieder. Finde mich in dem Humor wieder wo andere es vielleicht nicht tun, aber es nicht schlimm für mich, Geschmäcker sind verschieden. Auch manche billige Horrorfilme können was witziges haben oder trotzdem gut gemacht sein finde ich. Es muss nicht immer was erstklassiges oder ein Blockbuster sein.

    Das mit deiner Geschichte finde ich auch sehr schade, die hätte mich interessiert.

  • #2

    Bella BEnder (Mittwoch, 18 März 2020)

    Übertriebener Humor ist oft der beste! Und wie gut, dass ich in Sachen Datensicherung dazu gelernt habe. Ich bin gespannt, wie ich mich in zwanzig Jahren einmal fühle, wenn ich eines meiner Bücher in die Hand nehme.